Bericht zur Erhebung des Schulungsbedarfs von KMU-Arbeitgebern

Psychische Gesundheit ist zu einem zentralen Thema für den europäischen Arbeitsmarkt geworden- und Deutschland bildet hier keine Ausnahme. Im Rahmen des durch Erasmus+ geförderten Projekts H.A.R.M.O.N.Y. (Healthy and Resilient Mindset with Organized, Nurturing Digital Tools for Your Mental Health) wurden im Jahr 2025 im Deliverable D2.2 die Schulungsbedarfe im Bereich psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in acht europäischen Ländern untersucht. Befragt wurden 80 Lehrende aus Hochschulen (HEI) und Einrichtungen der beruflichen Bildung (VET) sowie 195 Fach- und Führungskräfte aus kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

Die deutschen Ergebnisse liefern besonders wertvolle Einblicke in die Lücke zwischen regulatorischen Rahmenbedingungen und der praktischen Umsetzung im Alltag von KMU.

Starker rechtlicher Rahmen – aber begrenzte praktische Umsetzung

Deutschland verfügt über ein gut ausgebautes System des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Regelungen wie das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), Leitlinien der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) sowie weitere arbeitsrechtliche Schutzmechanismen schaffen eine formale Grundlage für den Umgang mit psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz.

Die Untersuchung zeigt jedoch eine klare Lücke: Das Bewusstsein für gesetzliche Vorgaben führt nicht automatisch zu einer strukturierten Umsetzung in KMU.

Die Befragungsergebnisse legen nahe, dass viele deutsche KMU entweder kein formales Programm zur Förderung der psychischen Gesundheit haben oder eine Einführung derzeit nicht aktiv planen. Selbst dort, wo gesetzliche Verpflichtungen bestehen, bleibt die praktische Übersetzung in präventive Strategien zur psychischen Gesundheit begrenzt.

Diese Diskrepanz zwischen regulatorischem Anspruch und betrieblicher Praxis ist eines der zentralen Ergebnisse der deutschen Daten.

Stress und Burnout: Anhaltende Herausforderungen

Wie in anderen teilnehmenden Ländern zählen Stress und Burnout auch in deutschen KMU zu den am häufigsten berichteten psychischen Belastungen. Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben betreffen Beschäftigte branchenübergreifend.

Deutsche Befragte wiesen zudem auf strukturelle Hürden hin, die eine proaktive Bearbeitung dieser Themen erschweren. Laut Rückmeldungen, die durch das deutsche Knowledge Committee validiert wurden, stehen KMU häufig vor folgenden Herausforderungen:

  • Begrenzte interne Expertise im Umgang mit psychosozialen Risiken
  • Unzureichende zeitliche und personelle Ressourcen
  • Schwierigkeiten bei der Übersetzung gesetzlicher Anforderungen in konkrete betriebliche Maßnahmen
  • Geringe Priorisierung psychischer Gesundheit, sofern keine akuten Probleme auftreten

Psychische Gesundheit wird daher häufig reaktiv behandelt – also erst im Krisenfall – anstatt als präventive organisatorische Strategie verankert zu sein.

Bewusstsein ohne präventive Struktur

Die Daten zeigen, dass deutschen KMU das Thema psychische Gesundheit keineswegs gleichgültig ist. Im Gegenteil: Das Bewusstsein für Stress und psychosoziale Belastungen ist vergleichsweise hoch. Dennoch mündet dieses Bewusstsein nur selten in systematischen Richtlinien, strukturierten Weiterbildungsangeboten oder langfristigen Präventionsplänen.

Viele Unternehmen setzen auf informelle Gespräche, vereinzelte Schulungen oder externe Beratungsangebote, anstatt auf integrierte Programme, die mit Führungskräfteentwicklung und Unternehmenskultur verknüpft sind.

Die Verantwortung für psychische Gesundheit verteilt sich häufig auf Führungskräfte, Personalabteilungen und Akteure des Arbeitsschutzes – koordinierende Strukturen bleiben jedoch begrenzt.

Was deutsche KMU als Bedarf formulieren

Ein besonders ermutigendes Ergebnis der deutschen Stichprobe ist die Klarheit, mit der KMU ihre Trainingsbedarfe formulieren. Gefragt sind vor allem praxisnahe, führungsorientierte Kompetenzen, weniger theoretische Inhalte.

Zu den am häufigsten genannten Themen gehören:

  • Stressmanagement und Burnout-Prävention
  • Früherkennung psychischer Belastungssignale
  • Gestaltung psychologisch sicherer Arbeitsumgebungen
  • Verbesserung der Kommunikation bei sensiblen Themen
  • Zugang zu klaren, praxisorientierten Leitlinien im Umgang mit psychosozialen Risiken

Deutsche KMU bevorzugen Blended-Learning-Formate, die Präsenzworkshops mit kompakten digitalen Modulen kombinieren. Der persönliche Austausch wird insbesondere bei sensiblen Themen wie psychischer Gesundheit als wesentlich angesehen, gleichzeitig werden Flexibilität und digitale Zugänglichkeit geschätzt.

Digitalisierung: Zwischen Chance und Zurückhaltung

Deutsche Arbeitsplätze sind stark von der digitalen Transformation geprägt. Digitale Werkzeuge bieten Chancen für Flexibilität und Effizienz, tragen jedoch zugleich zu Technostress, erhöhter Erreichbarkeitserwartung und verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben bei.

Die Umfrageergebnisse zeigen eine vorsichtig-offene Haltung gegenüber KI-basierten oder digitalen Lösungen im Bereich psychische Gesundheit. Gleichzeitig sind Bedenken hinsichtlich Datenschutz, Vertraulichkeit und Wirksamkeit im deutschen Kontext besonders ausgeprägt.

Angesichts der ausgeprägten Regulierungskultur und der hohen Sensibilität für Datenschutzfragen müssen digitale Lösungen im Bereich psychische Gesundheit hohen ethischen und rechtlichen Standards entsprechen, um Akzeptanz zu finden.

Die Verbindung zur Bildung

Interviews mit deutschen Lehrenden aus HEI und VET zeigen, dass Themen der psychischen Gesundheit zunehmend in Studiengänge der Gesundheitswissenschaften, Psychologie und Lehrkräftebildung integriert werden. In der beruflichen Bildung bleibt das Angebot jedoch fragmentierter und ist häufig vom individuellen Engagement einzelner Lehrender oder Einrichtungen abhängig.

Lehrende berichten von einer wachsenden Verantwortung als erste Ansprechpersonen bei psychischen Belastungen von Studierenden, verfügen jedoch oft nicht über strukturierte institutionelle Unterstützung oder entsprechende Weiterbildungsangebote.

Vom Regelwerk zur Prävention

Die deutschen Ergebnisse von Deliverable D2.2 führen zu einer zentralen Erkenntnis: Deutschland verfügt über starke rechtliche Rahmenbedingungen und ein wachsendes Bewusstsein für psychische Gesundheit, doch präventive Strukturen in KMU sind bislang nur unzureichend entwickelt.

Um diese Lücke zu schließen, müssen gesetzliche Verpflichtungen in praktikable Instrumente übersetzt, Führungskräfte mit konkreten Kompetenzen ausgestattet, psychische Gesundheit in der Unternehmenskultur verankert und digitale Lösungen datenschutzkonform sowie menschenzentriert gestaltet werden.

Gleichzeitig zeigt sich auch im Bildungsbereich Handlungsbedarf: Während Hochschulen psychische Gesundheit zunehmend curricular verankern, bleibt die Umsetzung in der beruflichen Bildung fragmentiert. Es bedarf strukturierter Konzepte, institutioneller Verankerung und gezielter Qualifizierung von Lehrenden, um zukünftige Fachkräfte frühzeitig für psychosoziale Risiken und präventive Ansätze zu sensibilisieren.

Die nächste Phase des H.A.R.M.O.N.Y.-Projekts wird diese Bedarfe durch die Entwicklung strukturierter Trainingsmodule für KMU, durch Unterstützungsangebote für HEI- und VET-Einrichtungen sowie durch einen KI-basierten prädiktiven Unterstützungsrahmen und eine europäische digitale Lernplattform adressieren, die an den ESCO-Kompetenzstandards ausgerichtet ist.

Für deutsche KMU, HEI und VET-Einrichtungen ist die Botschaft klar: Psychische Gesundheit ist nicht nur eine Frage der Compliance – sie ist ein strategischer Faktor für Resilienz, Lernfähigkeit, Produktivität und nachhaltige Entwicklung.

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://harmony-eu.net/resources/reports/D2.2%20SME%20employers%20training%20needs%20mapping%20report%20GERMAN%20Final.word.pdf